BBC ExklusivLeben auf allen Vieren
Do, 03.08. um 23:10
Thema:
Ein Leben auf allen Vieren
(The Family That Walks On All Fours)
Dokumentation, Großbritannien 2006
(Wiederholung am 06.08.2006, 10:00 Uhr)
Vor vier Millionen Jahren erhoben sich unsere Vorfahren, um auf zwei
Beinen zu laufen. Das war der entscheidende Schritt vom Affen zum
Menschen. So zumindest vermuten es Wissenschaftler aufgrund von
Knochenfunden und versteinerten Fußabdrücken, und so lernen wir es in
der Schule. Aber letztlich ist das alles nur Theorie, denn dieser Film
porträtiert Menschen, die diesen Entwicklungssprung scheinbar nie
vollzogen haben: eine Familie, die sich auf allen Vieren fortbewegt...
Die Meldung ging um die Welt - und am Anfang dachte man an einen üblen
Scherz. Doch so unglaublich es auch klang, es entpuppte sich als bittere
Wahrheit: Die kurdische Familie Ulas lebt in einem kleinen türkischen
Dorf nahe der syrischen Grenze. Die meisten ihrer 19 Kinder sind gesund.
Doch fünf Geschwister laufen ihr gesamtes Leben lang schon auf allen
Vieren. Und zwar nicht, weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie nicht
anders können. Diese Tatsache zog sofort einige Wissenschaftler an, die
seitdem nicht nur die Ursache erforschen, sondern auch auf weitere
Erkenntnisse über den Ursprung des Menschen hoffen.
Könnte es sein, dass in einem entlegenen Dorf im Süden der Türkei
unerwartete Antworten auf offene Fragen der Evolutionsgeschichte zu
finden sind? Die Welt der Wissenschaft ist seitdem jedenfalls in
Aufruhr. Forscher aus aller Welt übertrumpfen sich mit Theorien, die
dieses außergewöhnliche Phänomen erklären sollen. Dabei sind sie sich
alles andere als einig.
Ein türkischer Neurophysiologe ist sich sicher, dass es sich bei den
betroffenen Mitgliedern der Familie um eine Art "missing link" handelt.
Diese Menschen, so glaubt er, sind lebende Vorfahren des modernen
Menschen. Amerikanische Paläoanthropologen hoffen, dass der Knochenbau
dieser Menschen wichtige Aufschlüsse über die Anatomie unserer Vorfahren
liefern kann. Deutsche Genetiker dagegen behaupten, durch diesen Fall
jene Gensequenzen gefunden zu haben, die den aufrechten Gang bewirken.
Das englische Team glaubt jedoch nicht, dass ein einziges defektes Gen
im Stande ist, den Menschen in einen Vierfüßer zurückzuverwandeln.
Die deutsche Erstausstrahlung der BBC Exklusiv-Dokumentation von "Ein
Leben auf allen Vieren" zeigt die umfassende Suche des Londoner
Evolutionspsychologen Nicholas Humphrey und seiner Kollegen nach einer
Erklärung für ein ungewöhnliches Phänomen. Neben vielen Erkenntnissen
über die möglichen Ursachen für den Vierbeiner-Gang der Familie Ulas
zeichnet der Film jedoch auch ein einfühlsames Porträt dieser Menschen,
die mehr sind als reine Studienobjekte.
Ihr Alltag ist voller Schwierigkeiten und Sorgen. Die Verhältnisse der
Familie sind von Armut und notdürftiger medizinischer Versorgung
geprägt. Von vielen Mitbewohnern im Dorf werden sie wie Aussätzige
behandelt. Die Anwesenheit der Wissenschaftler sorgt für noch mehr
Unruhe, denn deren Ideen berühren sensible Aspekte des islamischen
Glaubens. Und auch die Militärpolizei mischt sich während der
Dreharbeiten ein. Neben den erhitzten wissenschaftlichen Diskussionen
drängt sich deshalb immer mehr die Frage auf, wie diesen Menschen
geholfen werden kann. Gibt es vielleicht doch noch Hoffnung, dass sich
die Geschwister eines Tages auf zwei Beinen fortbewegen können?
http://www.vox.de/27471_35356.php?artikel=56079# |