Kurden im Schatten Saddams
«Kilomètre zéro» von Hiner Saleem
Martin Girod
NNZ 05.05.06
Auf den in Paris lebenden kurdischen Schriftsteller und
Filmregisseur Hiner Saleem, Anfang der achtziger Jahre als
Siebzehnjähriger aus dem Irak ausgewandert, wurde man spätestens mit
seinem dritten - auch in der Schweiz verliehenen - Spielfilm «Vodka
Lemon» aufmerksam, einem Werk in starken, poetischen Bildern. Nach dem
Fall Saddam Husseins zog es Saleem in die alte Heimat, um mit den
Mitteln seiner Kunst Zeugnis abzulegen vom Schicksal der irakischen
Kurden.
Makabrer Humor und surreale Szenen
In den grossen Zügen ist die Verfolgung und Unterdrückung,
Disziplinierung und versuchte Zwangsarabisierung der Kurden in der Zeit
des Saddam-Regimes bekannt. Sie gipfelte in Giftgasangriffen der
irakischen Armee auf die widerspenstigen Kurden, insbesondere jenem auf
die Stadt Halabja, bei dem 5000 Menschen umgekommen sein sollen. Doch
was diese Zeit für die betroffene Bevölkerung im tagtäglichen Leben
bedeutete, was das historische Faktum zur im Film konkret erfahr- und
nachvollziehbaren Geschichte machen würde, hat der Regisseur selbst kaum
erlebt. (Seine im Pressedossier zitierte Äusserung, der Irak habe «in
seiner ganzen Geschichte kaum fünf Filme produziert», zeugt auch nicht
gerade von grosser Vertrautheit mit den irakischen Verhältnissen.)
So versucht Saleem in «Kilomètre zéro», den er zur Zeit des
irakisch-iranischen Krieges spielen lässt, die Zeit der Repression in
exemplarischen Spielszenen zur Fiktion zu verdichten. Er schildert die
ständige Angst vor der Willkür und den Zwangsrekrutierungen, die der
männlichen Bevölkerung nur den Schritt in den Guerillakampf oder ins
Exil als Alternativen lassen. Diesem erschütternden Rückblick vermag
Saleem durch sein Talent für makabren Humor und fast surreale Szenen ab
und zu Glanzlichter aufzusetzen. Die Demütigung der Kurden steigert er
gar zum makabren Slapstick.
Die Hauptfigur des Films, Ako (Nazmi Kirik), soll den Sarg eines im
Krieg gefallenen Kameraden im Taxi zu seiner Familie ins kurdische
Bergland zurückbringen. Ein Konvoi solcher Gefährte macht sich auf den
Weg; alle mit einem in die irakische Fahne eingewickelten Sarg auf dem
Dach. Doch an dieser beabsichtigten «Ehrung der Helden» entzünden sich
die Widersprüche des Systems. Akos Taxi wird an jedem Stadteingang
aufgehalten, muss sich bis zum Einbruch der Dunkelheit verstecken, denn
die lokalen Verantwortlichen befürchten, der Anblick der Heldensärge
könnte, ganz anders als beabsichtigt, die Bevölkerung demoralisieren.
Kaum zu überbieten in ihrer schlichten Schlüssigkeit ist die an absurdes
Theater gemahnende Szene zwischen dem arabischen Taxifahrer und dem
kurdischen Soldaten, in der sie sich einmal ihre gesammelten
Ressentiments an den Kopf werfen wollen, aufzählen möchten, was sie denn
aus ihrer jeweiligen Sicht gegen «die Kurden» beziehungsweise gegen «die
Araber» haben - und letztlich kein Wort herausbringen.
Der gestürzte Diktator und seine Büttel
Bildhaft einprägsam ist auch die Idee, einen Lastwagen mit einer
überlebensgrossen Saddam-Statue gewissermassen als «running gag» immer
wieder auftauchen zu lassen. Sie verdeutlicht die erdrückende
Omnipräsenz des Regimes, läuft allerdings zugleich Gefahr, dieses auf
die eine Unperson zu reduzieren. Lediglich am anderen Ende der
Befehlskette, im genüsslichen Sadismus einzelner Offiziere, ist der
Unrechtsstaat wieder präsent. Wieweit deren Verhalten eine Kompensation
selbst erlittener Entwürdigung ist, bleibt jedoch im Dunkeln.
Hiner Saleem erzählt seine Geschichte, um ihre Düsterkeit zu brechen,
vom (vorläufigen) Ende her: In einer knappen Rahmenhandlung erleben Ako
und seine Frau im französischen Exil den Fall Saddams und brechen in
Freudentaumel aus. Dass die Kurden untereinander jetzt Französisch
sprechen, mag ein Zugeständnis an die französische Produktion sein,
lässt aber auch den Preis des Exils erkennen. Wie der Film insgesamt zu
einer doppelten Lektüre einlädt. «Kilomètre zéro» soll heissen: noch
nirgends hingekommen, aber auch von da geht's los . . . (Kino Riffraff
in Zürich)
http://www.nzz.ch/2006/05/05/fi/articleDQ2IP.html
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