Türkei dringt auf Unterstützung der USA gegen Kurden
Ankara hält sich militärische Operation im Nordirak offen -
Amerikanische Außenministerin Rice zu Gesprächen im Land
von Boris Kalnoky
Die Welt 26.04.06
Istanbul - Nach den Äußerungen des türkischen Generalstabschefs
Hilmi Özkök, wonach eine türkische Militäroperation im Nordirak gegen
die kurdische PKK denkbar sei, hieß es gestern aus türkischen
Sicherheitskreisen, es sei noch keine Entscheidung für eine
grenzübergreifende Offensive gefallen. Rund 200 000 türkische Truppen
sind laut Berichten türkischer Medien im Grenzgebiet aufmarschiert und
haben entlang der Grenze zum Irak Stellungen bezogen. Bei kleineren
Gefechten in der Region Sirnak kamen nach offiziellen Angaben ein Soldat
und drei PKK-Kämpfer ums Leben. Anwohner berichteten, die Kämpfe
dauerten an, Kampfflugzeuge und Hubschrauber würden eingesetzt, und
türkische Truppen verfolgten PKK-Kämpfer auf irakisches Staatsgebiet.
Ob es tatsächlich zu einem groß angelegten türkischen Einmarsch kommt
hängt nach Meinung vieler Beobachter maßgeblich davon ab, wie die
Gespräche von US-Außenministerin Condoleezza Rice in Ankara verlaufen.
Rice traf gestern im Rahmen ihrer Nahostreise in der türkischen
Hauptstadt ein. Vor dem Abflug hatte sie mehrfach erwähnt, die USA
erwarteten von Ankara eine aktive Zusammenarbeit mit der
Staatengemeinschaft, um Druck auf den Iran auszuüben. Sie unterstrich
die große Bedeutung der Türkei für die USA und sagte, Ankara werde bei
der Gestaltung der politischen Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens
"viel zu sagen haben". Außerdem kündigte sie eine Verstärkung der
Zusammenarbeit im Kampf gegen die PKK an.
Die Türkei fordert ihrerseits seit langem von den USA, gegen die
PKK-Lager im Norden des Irak vorzugehen. Die gegenwärtige Demonstration
militärischer Macht könnte dazu gedacht sein, die Amerikaner zu
Zugeständnissen zu bewegen - entweder selbst etwas zu unternehmen oder
eine türkische Strafexpedition zu erlauben. Türkische Medien mutmaßen
ein Tauschgeschäft - türkische Unterstützung gegen Iran, und im Gegenzug
US-Unterstützung für einen türkischen Militärschlag im Irak. Bereits
jetzt helfen die Amerikaner den Türken mit Satellitenfotos und
nachrichtendienstlichen Erkenntnissen. Gestern sagte jedoch
Justizminister Cemil Cicek, das sei nicht genug. Eine militärische
Operation sei vonnöten.
Aus ranghohen kurdischen politischen Kreisen verlautete, man gehe davon
aus, daß die USA keine türkische Offensive zulassen würden. Außerdem
hieß es, die PKK wolle nun den Besuch von Frau Rice abwarten und danach
die Lage kommentieren. Türkische Diplomaten sagten, Ankara werde sich
möglicherweise mit Frau Rice auf eine "Geste des Guten Willens" einigen
- in Gestalt der Auslieferung führender PKK-Kader an die Türkei. Um
diesen Preis könne eine Offensive vermieden werden.
So oder so wird es eng für die PKK, und sie sucht Auswege aus der
Bedrängnis. Die türkische Kurdenführerin Leyla Zana begab sich für vier
Tage in den Nordirak, wo sie mit den dortigen Kurdenpolitikern Barzani -
Präsident des Autonomen Kurdistan - und dem irakischen Staatschef
Talabani beraten wollte. Von ihnen wird abhängen, ob ein bewaffneter
Konflikt auf die zahlenmäßig relativ kleine PKK beschränkt bliebe oder
ob die kurdischen Peschmergas, also die Streitkräfte des autonomen
Kurdengebietes, sich den Türken entgegenstellen würden. Vermutlich wird
sie jedoch um politische Vermittlung bitten - gewünscht wird dem
Vernehmen nach ein Vorsprechen Talabanis in Ankara, um einen
Waffenstillstand mit der PKK anzubieten. Derweil versucht ein anderer
türkischer Kurdenpolitiker, Orhan Dogan, in Ankara Intellektuelle und
Schriftsteller zu einem "Friedensaufruf" zu bewegen.
Artikel erschienen am Mi, 26. April 2006
http://www.welt.de/data/2006/04/26/878715.html
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