Pressemitteilung
Keine Gewalt an kurdischen Kindern und Zivilisten!
Nach Beerdigung der vermutlich vom türkischen Militär durch Giftgas
getöteten vier Guerillas in Diyarbakir, haben die türkischen
Sicherheitskräfte die kurdischen Demonstranten mit brutaler Gewalt
angegriffen und dabei wurden mehrere Zivilisten, darunter auch Kinder,
verletzt und getötet. In den größeren Städten der Region wie Diyarbakir
und Batman, aber auch in der Metropole Istanbul haben viele Kurden durch
Protestkundgebungen ihrem Unmut über die brutale Militäroperation, die
Unterdrückung der Proteste sowie über die bestehenden politischen
Verhältnisse Ausdruck verliehen.
Nach einer vorläufigen Bilanz lokaler Menschenrechtsorganisationen
wurden bei den schweren Auseinandersetzungen 12 kurdische Zivilisten
getötet, darunter auch drei Kinder, und 500 verletzt. Allein in
Diyarbakir wurden 566 Personen festgenommen und 354 Personen verhaftet,
darunter 82 Kinder.
„Unsere Sicherheitskräfte werden die notwendigen Interventionen gegen
all diejenigen durchführen, die sich zum Werkzeug des Terrors machen,
auch wenn es Kinder oder Frauen sind. Ich möchte, dass dies klar
verstanden wird.” Diese jüngste Bemerkung des Ministerpräsidenten Tayyip
Erdogan zu dem Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte offenbart die
undemokratischen und unmenschlichen Standards der türkischen Politik.
Diese Verhältnisse sind vor allem dem türkischen Militärapparat zu
verdanken, der hinter den Kulissen auf die allgemeine Missachtung der
Menschenrechte und Grundfreiheiten hinwirkt und alle Ressourcen
mobilisiert, um die Proteste und Forderungen der kurdischen
Zivilbevölkerung mit brutaler Gewalt niederzuschlagen.
Wir als kurdische Vereine und Organisationen verurteilen das brutale
Vorgehen des türkischen Staates aufs Schärfste und lehnen jegliche
Gewalt an Zivilisten und Kindern ab, egal von wem sie kommt.
In der letzten Zeit waren die Beziehungen hochrangiger türkischer
Generäle zu kriminellen Banden auf der Tagesordnung. Ein türkischer
Staatsanwalt in Van erhob Anklage gegen diese Generäle wegen der Bildung
und Unterstützung von kriminellen und illegalen Organisationen, die
beispielsweise in der kleinen kurdischen Stadt Semdinli Bombenanschläge
gegen die kurdische Zivilbevölkerung verübt hatten. Die Reaktionen des
Militärs waren sehr heftig, und das Militär forderte von der türkischen
Regierung eine Bestrafung dieses Staatsanwalts, was von der Regierung
auch befolgt wurde.
Das Militär bedarf zu seiner Durchsetzung politischer und militärischer
Dominanz ständiger Bedrohungsanlässe. In diesem Kontext werden die
Kurden in der Türkei ständig zu einer Bedrohung der nationalen
Sicherheit stilisiert. Publikationen und Kinofilme, die den türkischen
Soldaten rühmen und eine deutlich antikurdische, antiwestliche und
antisemitische Botschaft propagieren, sind nur ein Teil dieser
Strategie. Auch die vor kurzem als Guerilla-Anschläge getarnten Einsätze
türkischer Militärs in den kurdischen Städten dienen der
Destabilisierung und Eskalation. MenschenrechtlerInnen, die die
politische wie auch ökonomische Macht des Militärs öffentlich
kritisieren, riskieren Haft- und Geldstrafen.
Die von der türkischen Regierung und vom Parlament für die Verbesserung
der individuellen Minderheitenrechte beschlossenen Gesetze sind bisher
kaum umgesetzt und haben keine ernsthaften politischen,
wirtschaftlichen, sozialen Maßnahmen für die kurdische Bevölkerung
geschaffen.
Der weiterhin wichtige Einfluss des Militärs auf die Politik, die
immense Präsenz der türkischen Armee in den kurdischen Gebieten sowie
die weit verbreiteten Repressionen und Diskriminierungen gegen die
kurdische Bevölkerung verhindern die Umsetzung der in Anlehnung an den
EU-Beitrittsprozess getroffenen Reformen und laufen folglich der
Normsetzung durch das politische Kriterium von Kopenhagen zuwider. Die
EU ist jetzt gefordert, sich für eine friedliche demokratische Lösung
der kurdischen Frage und die Anerkennung der Rechte von mehr als 15
Millionen Kurdinnen und Kurden in der Türkei einzusetzen.
In Berlin leben mehr als 60.000 Kurden, und sie sind besorgt über diese
unmenschlichen Umstände in Nord-Kurdistan. Im Namen der Vertreter der
kurdischen Bürger in Berlin rufen wir alle Beteiligten auf, ihre
Proteste überall unter Beachtung des Demonstrationsrechts durchzuführen
und sich nicht von den Angriffen des türkischen Staates zur
Gewaltanwendung provozieren zu lassen.
Wir appellieren vor allem an die deutsche Bundesregierung und die
Menschenrechts-organisationen sowie alle Demokraten, sich um die
drängenden Sorgen der Kurden zu kümmern und die demokratischen Rechte
der Kurden zu unterstützen.
Wir wünschen uns folglich eine objektive und differenzierte
Berichterstattung der deutschen Medien über die politischen Prozesse und
gegenwärtigen Ausschreitungen in der Türkei.
Berlin-Brandenburg, 11.04.2006
Kurdische Vereine und Organisationen in Berlin und Brandenburg
Awadani e.V.
Hinbûn –Internationales Bildungs- und Beratungszentrum für Frauen und
ihre Familien e.V.
Kerkuk Solidarität e.V.
Kurdische demokratische Gemeinde zu Berlin-Brandenburg e.V.
Kurdisches Institut für Wissenschaft und Forschung e.V.
Kurdisches Zentrum e.V.
Kurdistan AG an der FU-Berlin
Mala Kurda (Kurdisches Haus) Berlin-Brandenburg e.V.
Mala Yezidiyan e.V.
Navenda Civaka Demokratika Kurd e.V.
SOZK e.V. Soziales und Organisatorisches Zentrum für Kurden
Vereinigung Kurdischer Ärzte in Deutschland e.V.
Yekmal – Verein der Eltern aus Kurdistan in Berlin e.V.
YEK-KOM - Öffentlichkeitsbüro der Föderation kurdischer Vereine in
Deutschland
Presseansprechpartner:
Kazim Baba – Tel: 0177-312 11 08
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