Ankara versagt den Kurden den Dialog.
Gerade die Armee spielt eine düstere Rolle.
THOMAS GUTSCHKER
Rheinischer Merkur 06.04.06
Schüsse auf kurdische Kinder, türkische Banken und Busse in Flammen,
15 Tote – Istanbul und Südostanatolien erleben die schwersten Unruhen
seit der Verhaftung des PKK-Führers Öcalan vor sieben Jahren. Ein Unfall
ist das nicht, sondern die logische Folge einer verfehlten Politik in
Ankara. Statt die moderaten Kräfte in den Kurdengebieten zu stärken und
die zwölf Millionen dort lebenden Menschen als ethnische Minderheit
anzuerkennen, hat die türkische Führung nur ein paar halbherzige
Schritte getan, um den Druck aus Brüssel zu lindern. Dass den Kurden
täglich eine Dreiviertelstunde Fernsehen in ihrer Sprache und das Recht,
ihre angestammten Namen zu tragen, nicht reichen, war unschwer
vorherzusehen. Aber die Realitätsverweigerung in Ankara ist groß. Nach
wie vor sprechen Politiker und Militärs von „Bergtürken“.
Die Regierung Erdogan trifft noch die geringste Schuld. Schon ihre
mageren Zugeständnisse sind von den Kemalisten im Parlament als
Vaterlandsverrat beschimpft und von denen im Verwaltungsapparat
behindert worden. Die dunkelste Rolle spielt die mächtige Armee selbst.
Immer wieder provoziert der Generalstab die Kurden. Gegen den Heereschef
ermittelt sogar der Generalstaatsanwalt: Yasar Büyükanit soll hinter
einem Anschlag auf einen kurdischen Buchladen stehen, bei dem im
vergangenen Jahr eine Person getötet und sechs verletzt worden sind. Der
Beschuldigte ist weiterhin für den Posten des Generalstabschefs
vorgesehen, der im August neu besetzt wird.
Es ist nicht auszuschließen, dass Teile der Armee alles tun, um einen
Beitritt zur Europäischen Union zu torpedieren. Aus Brüsseler Sicht
dürfen das aber keine mildernden Umstände sein. Ein Land, in dem die
Armee weiter Nebenregierung spielt, womöglich gar Anschläge organisiert,
während Minderheiten gegängelt werden, kann kein Verhandlungspartner für
Europa sein.
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© Rheinischer Merkur Nr. 14, 06.04.2006
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