Wirtschaftsboom
Rückkehr nach Irakisch-Kurdistan
Focus online 21.03.06
Bis zu einer Million verzweifelter Kurden haben in den letzten 20
Jahren die Flucht über die verschneiten Berge Nordiraks in die
Anrainerstaaten Türkei und Iran und weiter nach Europa, Kanada und die
Vereinigten Staaten gewagt.
Sie flohen vor dem Terror des Regimes von Saddam Hussein, vor
Giftgasangriffen, Folter, Inhaftierung, Zwangsumsiedlung und
Vertreibung, vor Hunger und Not. Rund 100 000 Menschen wurden in
mehreren Flüchtlingswellen auch nach Deutschland gespült. Keiner wurde
zurückgeschickt. Spätestens seit der Befreiung des Iraks vor ziemlich
genau drei Jahren herrscht zumindest in den Kurdengebieten im Norden des
Iraks Frieden. Hier hat ein Wirtschaftsboom eingesetzt, der angeheizt
wird durch zu erwartende hohe Einkünfte aus der Erdölförderung.
Angelockt von der stabilen Sicherheitslage und der boomenden Wirtschaft
wagen immer mehr Kurden aus der Diaspora den Sprung zurück in ihre
Heimat. Bis zu 10 000 Kurden, schätzt Kurdistanexperte Siggi Martsch,
sollen allein in den letzten drei Jahren aus Deutschland in die
kurdischen Hauptstädte Erbil, Sulaimanina und Dohuk zurückgekehrt sein.
6000 Dollar für Schleuser
Motor zur Rückkehr ist für viele Kurden insbesondere die desolate
Wirtschaftslage in Deutschland. Khoshmeer Taha war 1996 mit seiner Frau
und der einjährigen Tochter vor den Kämpfen zwischen den kurdischen
Parteien KDP und PUK nach Nürnberg geflohen. Haus und Hof hatte der
korpulente Kurde versetzt, um die rund 6000 Dollar für die Schleuser
aufzubringen. Eine Woche dauerte die abenteuerliche Flucht mit Eseln
über die grüne Grenze in die Türkei, eine weitere Woche verbrachte die
Familie zusammengekauert auf der Ladefläche eines zugigen Lasters hinter
Kisten und Kartons versteckt.
Im fränkischen Nürnberg schraubte Khoshmeer die nächsten zehn Jahre
Waschmaschinen bei AEG zusammen, bis die Rezession auch seinen
Arbeitsplatz verschlang. In Irakisch-Kurdistan hingegen suchten Armee
und Polizei händeringend nach neuen Mitarbeitern, und Khoshmeer nutzte
die Chance zur Rückkehr. „In meiner Heimatstadt Suleimanija bilde ich
heute Bodyguards für die Peschmerga-Armee unter General Simko Nathem
aus”, sagt der Oberstleutnant nicht ohne Stolz.
“Rückkehr hat sich gelohnt“
Andere treten die Heimreise wegen ihres ungeklärten Aufenthaltstatus an,
wie die 28-jährige Lajla Jasim. Die Friseurin arbeitet heute im
familieneigenen Salon in Erbil. Zu Ansehen ist sie durch ihr Engagement
in der Frauenvereinigung der PDK gelangt, wo sie in Not geratenen Frauen
hilft. Lajla zieht eine positive Bilanz. “Für mich hat sich die Rückkehr
voll und ganz gelohnt.“ Vor drei Jahren waren Lajla und ihr Mann Sherzad
aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland geflohen, doch der Traum
vom Schlaraffenland war im Asylantenheim von Regen in Bayern rasch
ausgeträumt. Ihr Aufenthaltstatus war unsicher, die Chance auf eine
Arbeitserlaubnis schwand, zuletzt zerbrach die Ehe. Lajla machte sich
allein auf den Weg nach Hause. “Eine Entscheidung, die ich bis heute
nicht bereut habe”, sagt sie.
Überall sind die Zeichen des Aufschwungs sichtbar. Neue Bürohäuser,
Schulen, Restaurants, Hotels und Supermärkte, ganze Wohn- und Bürostädte
schießen wie Pilze aus dem Boden, die Strassen werden erneuert, und ein
in der Planung befindliches Wasserkraftwerk soll zukünftig den Mangel an
Strom beheben. Vom Wirtschaftsaufschwung profitiert auch der
Beautysektor. “Die Menschen haben mehr Geld, und das wird auch in das
Aussehen investiert”, hat Lajla beobachtet.
“Wollte Arbeitsplätze schaffen“
“Irakisch-Kurdistan bietet tolle Chancen für Investoren”, ist sich der
Elektroingenieur Barzan Ahmad sicher. Ende 2004 kündigte der pfiffige
Kurde nach 17 Jahren seinen gesicherten Arbeitsplatz bei Gilette in
Berlin und zog zurück ins irakische Kurdistan. Zum Ende des Schuljahrs
sollen seine Frau und die zwei kleinen Töchter folgen. “Bis zu 200
Deutsch-Kurden”, schätzt Barzan Ahmad, “haben sich bereits als
Geschäftsleute hier niedergelassen.” Die meisten verdienten ihr Geld in
der boomenden Baubranche und im Export-Import. “Ich wollte in erster
Linie etwas Bleibendes aufbauen und Arbeitsplätze schaffen”, so Barzan
Ahmad.
Die Lücke im Markt fand sich rasch. Weil alle Lebensmittel aus Dubai,
Syrien, der Türkei, dem Iran und selbst aus Indien importiert werden
müssen, entstand der Gedanke, im Lebensmittelsektor zu investieren. Mit
450 000 Dollar Eigenkapital zog der Unternehmer in nur sieben Monaten
die Chips-Fabrik “Mad” auf, eine helle, moderne Fabrikanlage mit
inzwischen 18 Mitarbeitern. Obwohl der Rückkehrer alle Mitarbeiter
sozial versichert, den Transport zur Arbeit organisiert, bezahlte
Urlaubstage und ein 13. Monatsgehalt bietet, hat er schon jetzt große
Mühe, Mitarbeiter zu finden. “Ich will rasch expandieren, und die
Maschinen in zwei bis drei Schichten voll auslasten, doch dafür bräuchte
ich schon jetzt mindestens weitere drei Mitarbeiter, die ich nicht
finden kann.” Schon behelfen sich Baufirmen mit Gastarbeitern aus
Indien, und renommierte Hotels werben Servicepersonal aus dem Libanon
an.
Bessere Alternative
Zwar ist nicht alles Gold, was glänzt in Irakisch-Kurdistan. Die
Investoren klagen über die weitverbreitete Korruption, unnötige
bürokratische Barrieren, den Mangel an Strom und die schlechte
Infrastruktur. Doch angesichts der katastrophalen Sicherheitslage im
Rest des Landes erscheint vielen Irakisch-Kurdistan als die bessere
Alternative. Schon landen täglich Maschinen non-stop aus Frankfurt,
Dubai, Stockholm, Istanbul und Amman auf dem kleinen Flughafen von.
Teheran, Düsseldorf und Wien stehen in der Pipeline. Irakisch-Kurdistan
ist wieder erreichbar geworden – für Rückkehrer, für internationale
Geschäftsleute und für ausländische Arbeitnehmer.
http://focus.msn.de/politik/ausland/wirtschaftsboom_nid_26480.html
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