Memorandum
An:
Das Präsidium der Europäischen Union,

in Bezug auf die Suche nach einer demokratischen Lösung für die nationale kurdische Sache in Syrien

sehr geehrte Damen und Herren,
wir wenden uns mit unserem Anliegen unter großem Respekt an Sie, um Ihre Blicke auf die tragischen Umstände und unnatürlichen Verhältnisse zu richten, unter denen unser kurdisches Volk in Syrien leidet, und auf die Unterdrückung, der unser Volk Tag für Tag auf Grund der chauvinistischen Politik und der rassistischen Projekte, die das syrische Regime betreibt, ausgesetzt ist. Das Regime berücksichtigt dabei keine internationalen Verträge in Bezug auf die Menschenrechte, der Völker und der nationalen Minderheiten.

Die historische Existenz der Kurden in Syrien

Die nördliche Grenze von Syrien wurde auf Grund des Berijan-Bekir-Abkommens am 20.10.1921 zwischen Frankreich, das einen Mandatstatus über Syrien hatte und der türkischen Regierung gezogen. Alle Regime und Regierungen, die in Syrien aufeinander folgten, haben die Realität und Wahrheit über die historische Existenz einer zweiten Nation im Lande, die 12% der Gesamtbevölkerung bildet, ignoriert. Diese wird repräsentiert durch das kurdische Volk, das sich durch seine nationale Identität, durch seine lebendige kurdische Sprache und eine eigenständige Kultur darstellt. Das kurdische Volk lebt heute auf seinem historischen Territorium in den Regionen Al-Djazira, Kubani und Kurd Dagh seit den Anfängen der Geschichte. Diese aufeinander folgenden Regime haben nicht nur die Existenz des kurdischen Volkes und seiner Heimat ignoriert, sondern auch eine chauvinistische Politik und eine gezielte nationale Unterdrückung gegen unser Volk betrieben mit dem Ziel, seine Existenz auszuradieren, seine Identität zu zerstören und es in den Schmelztiegel der arabische Nation zu assimilieren.

Über die Ausnahmevolkszählung und den Arabischen Gürtel

Am 23.08.1962 wurde das Republikanische Dekret Nr. 93 verkündet, nach dem eine Volkszählung ausschließlich in der Provinz al-Hassaka (die einzige mit einer kurdischen Bevölkerungsmehrheit) durchzuführen war, mit der dann am 05.10.1962 begonnen wurde. Diese führte dazu, dass ein großer Teil der Angehörigen unseres kurdischen Volkes, deren Zahl über 120 000 betrug (die Zahl der betroffenen Menschen beträgt heute ca. 250 000) zu Staatenlosen bzw. unregistrierten Staatenlosen erklärt und ihnen ihre syrische Staatsangehörigkeit aberkannt wurde.
Dadurch wurden den Betroffenen ihre Bürger- und Menschenrechte vorenthalten. Die Betroffenen wurden aufgefordert, ihre Personalausweise an die Behörden zurückzugeben, um sie erneuern zu lassen. Ein Teil von ihnen bekam die Ausweise zurück, ein anderer nicht. Ohne dass sie irgendein Vergehen begangen hätten außer dass sie als Kurden auf die Welt gekommen sind, war dies eine politisch und rechtlich unhumane Maßnahme, nach der einige Angehörige ein und derselben Familie als syrische Staatsangehörige verblieben sind und wiederum andere auf dem Land ihrer Väter und Ahnen zu Staatenlosen erklärt wurden. Diese Maßnahme ist unter dem Gesetz zur Ausnahmevolkszählung bekannt. Sie wurde mit einer organisierten Propagandakampagne der Massenmedien gegen das kurdische Volk begleitet. Dem kurdischen Volk wurde der Vorwurf der Verschwörung gegen das von ihnen so genannte „Arabische al-Djezira“ gemacht und es wurde öffentlich bedroht. Diese Kampagne nahm eine schreckliche Dimension in dem Buch des Muhammad Talab al-Hilal (Offizier der politischen Sicherheit in al-Djizira, später Minister und Mitglied des Führungskomitees der Baath- Partei in Syrien) an. Er leugnete, dass die Kurden ein Volk und eine Nation bilden und führte aus, dass sie „einen hohen Grad an Überzeugung und Organisation erreicht haben, die eine Bedrohung der arabischen Existenz bilden“, dass „dieser Krebs nur durch Amputation behandelt werden kann“ und dass es „keinen Unterschied zwischen ihnen und dem Staat Israel gibt“.
Auf Grund dessen machte Muhammad Talab al-Hilal Vorschläge für den Staat und entwickelte einen Plan, der 12 Punkte zur Lösung der kurdischen Frage enthielt, unter anderem: „Deportation, Unwissenheit, Beseitigung von Arbeitsplätzen, d. h. Aushungerung, Aberkennung der religiösen Eigenschaften der kurdischen religiösen Gelehrten, Aufhetzung der Kurden gegeneinander, Ansiedlung von Arabern in den kurdischen Gebieten entlang der Grenze, die Umwandlung des nördlichen Streifens von al-Djazira zu einem militärischen Gebiet, in dem militärische Einheiten stationiert werden, die die Aufgabe haben, Kurden zu deportieren und Araber anzusiedeln, die Gründung von Ansammlungen für Araber, die militärisch ausgebildet und bewaffnet sind und die der Staat im nördlichen Streifen ansiedelt.
Nach der Machtergreifung der Baath-Partei in Syrien, die eine nationalistisch überhebliche Tendenz aufweist, fanden diese rassistischen Ideen durch einen Putsch im März 1963 einen fruchtbaren Boden bei den zuständigen Stellen und es ist mit der Umsetzung der Ideen und Meinungen des Rassisten Muhammad Talab al-Hilal und seinesgleichen in die Realität begonnen worden.
Im Herbst 1973 wurde mit diesem verräterischen Projekt begonnen, in dem arabische Stämme aus dem mittleren Tal des Euphrat in moderne Siedlungseinheiten versehen mit sauberem Trinkwasser, Schulen, landwirtschaftlichen Betrieben, Sicherheitsschutz usw. angesiedelt wurden. Der Staat hat jeder Familie 200 Dönem landwirtschaftliche Fläche der fruchtbarsten Gebiete in al-Djazira zur Verfügung gestellt. Wie durch offizielle Quellen festgestellt, betrug die Zahl der angesiedelten arabischen Familien in al-Djazira bis 1975 4100 Familie. Es wurden 720 000 Dönem der fruchtbarsten Ländereien verteilt. Den ursprünglich kurdischen Einwohnern wurde ihr Land ohne jede rechtliche Grundlage enteignet. Das Regime hat dann Grundbesitzurkunden darüber ausgestellt, dass nunmehr den arabischen Familien das Land gehört. Auch die Zivilregister der Standesämter der beiden Provinzen al-Raqqa und Aleppo-Land wurden nach Al-Hassaka verlegt, während es gleichzeitig auf gar keinen Fall erlaubt ist, Register von Kurden, aus welchen Gründen auch immer, in die Provinz al-Hassaka zu verlegen. Erwähnenswert ist auch, dass die Behörden in der letzten Zeit die steinigen, unbebaubaren Ländereien, die die kurdischen Bauern in mühevoller Arbeit gesäubert hatten, um ihren Kindern einen Lebensunterhalt zu sichern, auch enteignet haben. Es ist eine Tatsache, dass das Regime selbst diese Ländereien enteignet, um sie den angesiedelten Arabern zur Verfügung zu stellen.

Andere Unterdrückungsmaßnahmen:

Die Unterdrückung und die Repressalien gegen unser kurdisches Volk setzen sich bis zum heutigen Tag fort und sind Teil einer gezielten Politik, die darauf abzielt, die Kurden zu zerstreuen, ihre kulturelle Identität zu zerstören, ihren Schaffendrang zu lähmen, damit sie auf ihre Sprache verzichten und sich von ihrer Identität und nationalen Zugehörigkeit distanzieren, um sie so durch viele Maßnahmen zu arabisieren, wie z. B.
1. Vorenthaltung der natürlichen Rechte, die kurdische Nationalsprache und Kultur anzuwenden bzw. auszuüben
2. Beschädigung der nationalen Gefühle kurdischer Menschen durch die Veränderung der historischen Namen Hunderter kurdischer Dörfer und Städte und deren Umbezeichnung in arabische Namen, ebenso die Umbenennung von Bergen, vielen Tälern, Wasserquellen und kulturelle Stätten
3. Verbot der kurdischen Musik und Lieder und deren Bekämpfung im Sinne einer Bestrebung, die kurdische Folklore und die kurdischen nationalen Eigentümlichkeiten zu zerstören
4. Willkürliche Verweisung und Versetzung von vielen Kurden, die in staatlichen Ämtern und Institutionen arbeiten sowie Verweisung von kurdischen Schülern und Studenten von ihren Ausbildungseinrichtungen, die verschiedenen Ministerien unterstellt sind
5. Ergreifung von diskriminierenden Maßnahmen gegen die kurdische Jugend, indem man ihnen das Vertrauen dahingehend entzieht, ihnen die Zulassung bei militärischen Akademien vorzuenthalten und indem man ihnen die Türen des diplomatischen Sektors verschließt, egal wie hoch ihre wissenschaftliche Qualifikation bzw. das Niveau ihrer akademischen Ausbildung ist.
6. Das Beharren der zuständigen Stellen bei der Durchsetzung der Politik der Baathisierung in den kurdischen Gebieten und die Diskriminierung der kurdischen Schüler und Studenten, falls sie nicht der Baath-Partei beitreten. Dies führt zu einem Zustand der Sorge und Unzufriedenheit, die negativ auf die Eltern und auf das Niveau der Ausbildung und der beruflichen Tätigkeit wirkt.
7. Die Borniertheit der Regierung und der zuständigen Stellen in Bezug auf die Fortsetzung und Beibehaltung der Ergebnisse der Ausnahmevolkszählung und die weitere Praktizierung des rassistischen Arabischen Gürtels.
8. Wiederholte willkürliche Festnahmen gegen kurdische Patrioten und ihre Verbringung in Gefängnisse und Haftanstalten, wo sie verschiedenen Arten der psychischen und physischen Folter ausgesetzt werden. Hinzu kommen die fast alltäglichen Verhöre kurdischer Mitbürger. Zu erwähnen ist, dass hunderte Angehörige unseres Volkes immer noch in den syrischen Gefängnissen sitzen.
9. Die willkürliche repressive brutale Reaktion auf jede Aktivität, gleichgültig wie demokratisch und zivilisiert sie auch sein mag in Bezug auf die Forderung nach Aufhebung der nationalen Unterdrückung und der derzeit praktizierten rassistischen Projekte gegen das kurdische Volk.

Über die Ereignisse am 12 März 2004 in Kamishli

Als unser Volk sich für das Nawroz- Fest vorbereitet und wollte wie seit 2616 Jahre friedlich seines Nationaltag freieren. Die kurdische Gebiete im norden Syrien hat unter Einschüchterungsmaßnahmen gelitten. Aufgrund von unbegründeten brutalen Übergriffen der syrischen Regierung in den kurdischen Gebieten in Syrien, fanden in der Zeit vom 12.-18.03.2004 verschiedene friedliche Demonstrationen der kurdischen Bevölkerung statt. Diese wurden von Armee, Polizei und Baas-Partei blutig aufgelöst. Dabei gab es Dutzende von Toten, Hunderte von Verletzten, zahlreiche Vermisste und mehr als 3000 Gefangene. Viele kurdische Studenten wurden für immer von der Universität ausgeschlossen.
Als Konsequenz der brutalen Folter und der unmenschlichen Behandlung von kurdischen Gefangenen leiden viele von ihnen unter Verletzungen und verschiedenen körperlichen und psychischen Krankheiten, sogar unter Lähmungen. Zwei sind wegen der grausamen Folter gestorben. Ihre Schuld ist, dass sie Kurden sind und dass sie in einer demokratischen Gesellschaft gleichberechtigt leben möchten. Dies hatten sie anlässlich der oben genannten friedlichen Demonstrationen kundgetan. Zweifelsohne widerspricht diese Art der Unterdrückung kurdischer Menschen der ganzen Bandbreite der Forderungen der Ära eines Geistes einer zivilisierten Entwicklung. Und nicht nur das, es widerspricht allen Verfassungen und internationalen Abkommen, darunter auch der internationalen Gesetzgebung für Menschenrechte, es respektiert die Grundsätze der Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit nicht, die heute unbestrittene Werte sind, für die sich jedes Individuum und menschliche Gruppe interessiert und die zum zentralen Gedanken eines jeden Menschen geworden sind.

die Existenz des kurdischen Volkes, deren Bevölkerungszahl heute 2 ½ Millionen übersteigt, ist eine reale und historische Wahrheit und das kurdische Problem besteht immer noch – und wird auch trotz aller Versuche, es unter den Tisch zu kehren und zu verleugnen - bestehen bleiben.
Die Welt setzt ihre zwingende Logik zur Lösung der Probleme –aller Probleme– durch den Dialog, gegenseitige Verständigung und die Anerkennung des Anderen durch. Die Politik der Unterdrückung und eine solchermaßen chauvinistische Vorgehensweise gegen ein Volk, das seit den Anfängen der Geschichte auf seinem historischen Boden lebt, wird nichts anderes verursachen, außer die brüderlichen Beziehungen unter den Bürgern eines und desselben Landes zu beschädigen. Es kann daher kein Frieden im Nahen Osten durchgesetzt werden, ohne dass die nationale Frage des kurdischen Volkes in Syrien auf eine demokratische Art und Weise gelöst wird.

Aus diesem Grund leiten wir dieses Memorandum an Sie, damit Sie Druck auf das syrische Regime deutlich üben, um:
1- die kurdische Akte zu öffnen, anstatt sie in den Schubladen und Ablagen der Sicherheitsapparate liegen zu lassen; jenen Sicherheitsapparaten, die mit der kurdischen Bewegung so umgehen, als ob diese außergesetzlich sei und das kurdische Volk so behandeln, als seien es Eindringlinge, die die Grenze überschritten hätten und mit der kurdischen Sache mit Verleugnung und Ignoranz und Nichtanerkennung ihrer Gerechtigkeit begegnen.

2-
Zurückziehung des Militär und Sicherheitsdienste, sowie die Waffen von Bath- Partei Milizen in den Kurdischen- Gebieten und Freilassung aller politischen Gefangenen, die wegen der 12 März 2004 Ereignisse verhaftet worden. Aufhebung der nationalen Unterdrückung gegen das kurdische Volk in Syrien und die verfassungsgemäße Anerkennung seiner Existenz, seiner legitimen und nationalen Rechte als eine - die Einwohnerzahl betreffend - zweite Nation im Land, denn das Land gehört uns allen, wir sind alle seine Teilhaber und sind verantwortlich für sein Schicksal und seinen guten Ruf.

3-
Erreichen einer politischen Öffnung, das das Kriegsrecht und das Notstandsgesetz aufhebt, im Sinne der Einführung einer umfassenden demokratischen Reform, die dem Bürger – dem Menschen- die Äußerung seiner freien Meinung ohne Angst garantiert werden und weitere gesetzliche Grundlagen für Druckerzeugnisse und Informationen, die das allgemeine Leben der Gesellschaft und des Staates aktivieren und die Beteiligung aller für die Übernahme der Verantwortung, um das Konzept einer neuen zivilisierten Verfassung, die die Freiheiten, Unabhängigkeit der Justiz, Herrschaft des Gesetzes und die Mehrparteilichkeit und die Vielfalt der ethnischen Gruppen sichert, zu erreichen.

Wir versichern Ihnen unsere Wertschätzung und Hochachtung.

Berlin 10.03.2006
Gemeinsamearbeitskomitee
Der Kurdischen Parteien in Syrien - Deutschland

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