Studie: Nur Reformen können Bürgerkrieg im Irak verhindern
Reuters 27.02.06
Bagdad (Reuters) - Der Irak kann einer Studie zufolge einen
Bürgerkrieg nur aufhalten, wenn eine Regierung der nationalen Einheit
die Verantwortung übernimmt, die Verfassung geändert und
Menschenrechtsverletzungen eingeschränkt werden.
Zu diesem Ergebnis kommt die International Crisis Group (ICG) aus
Brüssel, die am Montag einen Bericht zur Lage des Golfstaats nach der
Gewalt zwischen den irakischen Religionsgruppen in der vergangenen Woche
vorgelegt hat. Zugleich warnt die in Brüssel ansässige Forschergruppe
vor einer Destabilisierung des gesamten Nahen Ostens, sollte sich im
Irak ein Bürgerkrieg entwickeln.
Die Forscher führen eine Wurzel für die Spannungen zwischen Schiiten und
Sunniten auf die Wahlen zur Übergangsregierung vor mehr als einem Jahr
zurück. Das Ergebnis dieses Urnengangs habe gezeigt, dass die Menschen
vor allem Vertreter ihrer eigenen religiösen Gruppen gewählt hätten.
"Moscheen wurden zu Parteizentren gemacht, Geistliche boten sich als
politische Vertreter an und die Iraker haben die Wahl auf der Suche nach
Orientierung und Stabilität in ein konfessionelles Bekenntnis
verwandelt", heißt es in dem Bericht.
Die damaligen Wahlen gewannen Schiiten und Kurden entsprechend ihres
Bevölkerungsanteils. Die sunnitische Bevölkerung boykottierte sie, nahm
aber an den darauf folgenden ersten Wahlen eines Parlaments für eine
volle Legislaturperiode Mitte Dezember teil. Die Regierungsbildung
dürfte sich angesichts der Spannungen noch wochenlang hinziehen.
Schiiten und Kurden müssten den Sunniten nun Einfluss und Mitwirkung in
der neuen Regierung geben, heißt es in der Studie weiter. Zudem müsse
die im Verlauf des vergangenen Jahres ausgehandelte Verfassung geändert
werden. "So wie sie im Moment formuliert ist, ist sie nicht geeignet,
das Land zusammenzuhalten", schrieben die Forscher. Die Sunniten haben
durchgesetzt, dass das neue Parlament eine Reform der Verfassung
einleiten soll. Sie kritisieren vor allem die weitgehende
Föderalisierung des Landes, die ihrer Einschätzung nach Schiiten und
Kurden bevorteilt und die Einheit des Iraks gefährdet.
Nach einem symbolträchtigen Anschlag auf eine der wichtigsten
schiitischen Stätten im Irak war es zu tagelangen Auseinandersetzungen
zwischen Schiiten und Sunniten gekommen. Mehr als 200 Menschen wurden
dabei getötet. Unter weit reichenden Ausgangssperren kamen die
Hauptstadt Bagdad und ihre Umgebung, wo die heftigsten Zusammenstöße
verzeichnet wurden, übers Wochenende wieder zu Ruhe.
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