"Kurdistan würde islamistischen Irak verlassen"
 

VON WIELAND SCHNEIDER

Die Presse 18.02.06

Kurden-Vertreter Zebari über die Zukunftspläne der Kurden und den Wirtschaftsboom im Nordirak.
WIEN. "Wir werden nie wieder zulassen, dass die Kurdenregion mit Krieg und Terror überzogen wird. Heute kontrollieren wir unser Gebiet mit unseren Peshmerga-Truppen. Bei uns herrscht Sicherheit." Mit Stolz weist Dindar Zebari, Chefkoordinator für internationale Beziehungen der kurdischen Regionalregierung, darauf hin, dass die kurdischen Gebiete im Norden Iraks von Terror bisher weitgehend verschont blieben.

"Die Verteidigungs-Angelegenheiten des gesamten Irak müssen partnerschaftlich gelöst werden. Aber Sicherheit und Verteidigung der Region Kurdistan liegen in der Verantwortung der kurdischen Behörden", bekräftigt Zebari im "Presse"-Gespräch. "In Zukunft wird es irakischen Truppen nicht erlaubt sein, in Kurdistan ohne Erlaubnis des kurdischen Parlaments einzurücken. Wir haben schon zu viel durch die eigenen irakischen Soldaten gelitten."

Iraks Kurden waren jahrzehntelang von Bagdad unterdrückt worden. Der gestürzte Diktator Saddam Hussein befahl sogar Giftgasangriffe auf kurdische Dörfer. Nach der Niederschlagung eines Kurdenaufstands 1991 hatte die internationale Gemeinschaft eine Schutzzone im Nordirak errichtet. Seither wird die Region von einer kurdischen Regierung verwaltet.

Als wichtiger Verbündeter der USA ist nach dem Sturz Saddams auch der Einfluss der Kurden in Bagdad gestiegen. Iraks Präsident Jalal Talbani ist ein Kurde.

"Es liegt an den Kurden, zu entscheiden, wie ihre Zukunft aussieht. Die kann nicht mehr von den Arabern aus den südlichen Teilen Iraks bestimmt werden", meint Zebari. Auf Eigenstaatlichkeit wollten die Kurden derzeit aber verzichten. "Wir haben freiwillig gewählt, Teil eines demokratischen Irak zu sein. Unabhängigkeit für Kurdistan wäre jetzt nicht die richtige Entscheidung." Man begnüge sich mit Föderalismus, "weil wir nicht etwas einfordern, das von allen abgelehnt wird."

Doch Zebari stellt auch klar, dass die Kurden ihre Entscheidung unter bestimmten Umständen überdenken könnten: "Wenn Irak der Zukunft ein Staat mit islamischem Gesetz werden sollte; ein Land fundamentalistischer islamischer Gruppen und ein Rückzugsgebiet für arabischen Chauvinismus, dann wird Kurdistan kein Teil davon sein."

Derzeit nützt man in den Kurdengebieten die gute Sicherheitslage und den Wirtschaftsboom, der sich daraus ergibt. "Wir wollen aus Kurdistan ein Erfolgsmodell für den Rest Iraks machen." Viele Firmen versuchen inzwischen in der Region Fuß zu fassen. Die meisten kommen aus der Türkei, arabischen Ländern und den USA.

Aber auch europäische Unternehmen werden aktiv - so die Europäische Aktiengesellschaft "Sunshine Invest", an der österreichische Unternehmer führend beteiligt sind. Sie hat derzeit rund 14 Projekte im Nordirak laufen, vom Bankwesen über Ölgeschäfte bis hin zum Bau von Wohn- und Bürokomplexen in Suleimania.

Zebari hatte soeben auf Einladung der "Sunshine Invest" mehrere europäische Städte bereist, um für Investitionen in Kurdistan zu werben: "In den nächsten Wochen werden wir ein neues Investitionsgesetz erlassen. Dadurch wird eine sehr freie Wirtschaftszone entstehen."  

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