Kurdenfrage der Türkei nach wie vor ungelöst
Zwei Bombenattentate binnen fünf Tagen in Istanbul
NNZ online 15.02.06
Sieben Jahre nach der Festnahme des Kurdenführers Abdullah Öcalan
hat die Türkei ihre Kurdenfrage noch längst nicht gelöst. Frustration
macht sich im Osten breit, während kurdische Bombenleger im Westen des
Landes wieder Terroranschläge verüben.
it. Istanbul, 14. Februar
Ein Bombenattentat auf einen Supermarkt hat am späten Montagabend den
Istanbuler Stadtteil Bayrampasa unweit des Flughafens erschüttert.
Mindestens zwölf Personen wurden laut Angaben der Behörden verletzt,
eine von ihnen schwer. Die Organisation Freiheitsfalken Kurdistans
bekannte sich zu dem Anschlag. Die Attentate würden so lange
fortgesetzt, bis die Regierung ihre Politik gegenüber den Kurden ändere,
drohte sie in einem Bekennerschreiben. Schon letzte Woche hatte sie
einen Anschlag auf ein Internet-Café in der Vorstadt Bagcilar verübt;
dabei wurde eine Person getötet, und 15 weitere Personen wurden
verletzt, unter ihnen 7 Polizisten. Die Freiheitsfalken werden
offiziellerseits mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in Verbindung
gebracht, von Kurden aber als eine der kurdischen Bewegung fremde
Geisterorganisation bezeichnet.
Enttäuschte Hoffnungen
Am 15. Februar jährt sich zum siebten Mal die Verhaftung und
Verschleppung des kurdischen Rebellenführers Abdullah Öcalan in die
Türkei. Die von Dänemark aus sendende PKK-nahe Fernsehstation Roj-TV hat
für Mittwoch die Kurden zu Protestaktionen in der ganzen Türkei gegen
die Isolationshaft des PKK-Führers Abdullah Öcalan aufgerufen. Das
Gerücht, wonach Öcalan am 7. Februar in der unweit von Istanbul
gelegenen Gefängnisinsel Imrali einen Herzinfarkt erlitten haben soll,
hat zur nervösen Stimmung unter den Kurden beigetragen. Die
Sicherheitslage ist angespannt.
Sieben Jahre nach der Verhaftung Öcalans scheint die Türkei einer Lösung
ihrer Kurdenfrage allen Versprechungen und Hoffnungen zum Trotz nicht
näher gekommen zu sein. Der Bürgermeister von Diyarbakir, Osman
Baydemir, wurde beispielsweise angeklagt, weil er die kurdischen Bürger
seiner Stadt auf Kurdisch begrüsst hat. Der Unterricht der kurdischen
Sprache in öffentlichen Schulen ist nach wie vor untersagt, und
weiterhin gibt es kein Privatradio oder -fernsehen, das auf Kurdisch
senden darf. Die Arbeitslosigkeit in Ostanatolien erreicht auch nach
offiziellen Angaben um die 70 Prozent. Die kurdische Bevölkerung ist ob
so vielen betrogenen Hoffnungen frustriert.
Zorn hat zudem die Entdeckung eines Massengrabs beim Städtchen Kulp
unweit von Diyarbakir hervorgerufen. Im Oktober 1993 hatte die Armee
dort laut Presseberichten bei einer Operation in der Region elf Bauern
festgenommen. Gerichtsmediziner haben nun bestätigt, dass im Massengrab
die Überreste dieser Bauern lagen. «Wird diesmal jemand zur
Verantwortung gezogen?», fragte am Dienstag die liberale Tageszeitung
«Radikal». Ein vermutlich von Mitgliedern der türkischen
Sicherheitskräften verübtes Bombenattentat im Städtchen Semdinli im
äussersten Südosten der Türkei im letzten November wurde bisher nicht
aufgeklärt.
Die PKK in der Sackgasse
Sieben Jahre nach Öcalans Festnahme scheint sich die PKK in einer
Sackgasse zu befinden. Davon zeugt die Selbstzerfleischung ihrer
ehemaligen Spitzenkader. Letztes Wochenende ist Faysal Dunlayici im
Nordirak einem Attentat zum Opfer gefallen. Dunlayici war jahrelang
unter dem Namen Kani Yilmaz der Hauptvertreter der PKK in Westeuropa. Er
fiel allerdings in Ungnade, als er Abdullah Öcalans Partei den Rücken
kehrte und mit anderen PKK-Kadern die Patriotische Demokratische Partei
gründete. Dunlayicis Ermordung führen dessen Anhänger auf eine Order des
PKK-Führers Öcalan zurück.
http://www.nzz.ch/2006/02/15/al/articleDKYRD.html
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