Irak, das Land der Hoffnung?
AUS ERBIL INGA ROGG
taz 28.01.06
Viele Kurden, die jetzt aus Deutschland nach Erbil heimkehren,
versuchen zu beschwichtigen: Dies sei ein Ort des Aufschwungs, nicht der
Gefahr
Aus der Ferne betrachtet scheint die Analyse eindeutig: Innerhalb von
zwei Monaten wurden drei Deutsche im Irak entführt. Das Risiko, in die
Hand von Kidnappern zu fallen, ist extrem hoch. Nur noch lebensmüde
Abenteurer oder geistig Verwirrte bleiben angesichts dieser Gefahr im
Irak.
Vor Ort in Erbil aber ist Siegfried Martsch anderer Meinung. "Ich bin
kein Verrückter", sagt Martsch. Eben hat er zusammen mit dem
Bürgermeister von Erbil, Nihat Qoja, das Deutsche Kulturinstitut
eröffnet. Mit einem deutschen Clubabend will man in zwei Wochen den
Einstand feiern. Regelmäßige Filmabende sind geplant, der Aufbau einer
kleinen Bibliothek mit deutschsprachigen Zeitungen und Büchern, zudem
Konzertabende, Lesungen und Diskussionen.
Ein Kulturinstitut in Zeiten von Krieg, Bombenanschlägen und
Entführungen, das klingt waghalsig. Martsch widerspricht vehement.
Kurdistan sei nicht der Irak, das werde in Deutschland gerne vergessen.
"Natürlich ist Kurdistan keine Insel der Glückseligen", sagt der
Grünen-Politiker. "Aber Erbil ist sicherer als London oder Madrid und
auf jeden Fall weniger gefährlich als Moskau." Bombenanschläge gab es in
der kurdischen Hauptstadt bisher nur wenige, Entführungen von Ausländern
bisher überhaupt keine. Auch den jüngsten Entführungsfall sieht er nicht
als Anlass, seine Meinung zu ändern.
Die Besorgnis, dass das Ansehen der Deutschen im Irak gelitten hat, weil
Susanne Osthoff zeitweise für den BND gearbeitet haben soll oder
BND-Mitarbeiter während des Kriegs mit den Amerikanern
zusammengearbeitet hatten, teilen Martsch und seine kurdischen Freunde
nicht. Zumindest für Kurdistan gälten all diese Bedenken nicht, sagt
Martsch. "Die Missstimmung in Deutschland ist völlig übertrieben", meint
Martsch. Sie sei sogar schädlich: "Kurdistan braucht deutsche Hilfe mehr
denn je." Deshalb habe man gerade jetzt das Deutsche Kulturinstitut
eröffnet, das auch als Brücke zu deutschen Wirtschaft fungieren will.
Seit Jahren setzt sich der Expolitiker, der in Nordrhein-Westfalen dem
Landtag angehörte, für die kurdische Sache ein. Seine Nähe zum
Präsidenten Kurdistans, Masud Barsani, hat ihm den Spitznamen Sigi
Barsani eingebracht. Der 60-Jährige zeigt sich auch in kurdischer
Guerillakleidung.
Am Dienstagabend hat er 5 Deutsche und 15 Kurden im Büro seiner Firma
"Martsch International Erbil - German Businesscenter" zur Eröffnung des
Kulturinstituts versammelt. Die Gruppe wirkt wie eine kleine,
verschworene Gemeinde, die sich untereinander beinahe trotzig immer
wieder dasselbe versichert: "Kurdistan ist sicher." Zur Feier gekommen
ist auch ein deutscher Geschäftsmann aus Hamburg, der gerade für ein
großes Unternehmen eine lokale Vertretung aufbaut. Seinen Namen will er
aber nicht nennen. Auch seine genaue Tätigkeit solle die Reporterin bloß
verschweigen, sagt der Mann mit dem grauen Bürstenhaarschnitt.
Eigentlich hätte die Eröffnung ein weit größeres Ereignis sein sollen.
Doch mehrere Firmen, die Delegationen nach Kurdistan entsenden wollten,
haben ihre Reise nach den Warnungen der Bundesregierung abgesagt. "Dabei
kann man hier gute Geschäfte machen", sagt der Mann aus Hamburg.
So sieht es auch Jaf Ali, der mit vier Jahren nach Bonn kam, wo er heute
eine Boutique betreibt. "Ich liebe Deutschland", sagt Ali. Doch die Lage
im deutschen Textileinzelhandel ist schlecht. Ali rechnet auch nicht mit
einer Besserung. Seine Chance sucht er jetzt in Kurdistan. Er will mit
einem großen Industrieunternehmen in den hiesigen Markt einsteigen.
"Vielleicht etwas im Lebensmittelsektor" sagt Ali.
Für viele Flüchtlinge, die vor der Verfolgung durch das Saddam-Regime
nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz flohen, ist Kurdistan
zu einem Land der Hoffnungen geworden. Auch Nihat Qoja, der
Bürgermeister von Erbil, ist vor zwei Jahren zurückgekehrt. 23 Jahre
lang hat er in Bonn gelebt. Zeitweise hat er Geschichte studiert. Gerade
weil er die Nazi-Vergangenheit seines zweiten Heimatlandes gut kennt,
kann er die Zurückhaltung der Bundesregierung gegenüber den Kurden
überhaupt nicht verstehen. "Deutschland weiß doch, was die Befreiung von
einer Diktatur bedeutet", sagt der 49-Jährige. Deshalb sollte die
Bundesregierung die Kurden unterstützen.
Der engagierte Bürgermeister würde gerne ein deutsch-kurdische Schule
gründen. Denn daraus könnte wie in anderen Ländern eine gut gebildete
Elite hervorgehen, die Kooperationen mit deutschen Firmen suchen und
organisieren könne. "Vorläufig können wir das aber vergessen", sagt
Nihat Qoja. Deshalb setzt man beim deutschen Kulturinstitut auf
Sprachkurse für Rückkehrer. Der erste Kurs, der nächste Woche beginnen
soll, war so schnell ausgebucht, dass bereits weitere geplant sind.
"Unsere Sicherheitskräfte haben die Lage unter Kontrolle", sagt der
smarte Politiker. "Hier ist nicht Arabien", fährt er in Anspielung auf
die sunnitischen Gebiete fort. "Das müssen die Deutschen endlich
verstehen."
_______________
taz Nr. 7883 vom 28.1.2006, Seite 4, 144
TAZ-Bericht INGA ROGG
|