Endschlacht um Damaskus
Schluckt Amerika Syrien ... lebendig?
Eine Analyse aus kurdischer Sicht zum Umbruch des Vorderen Orients
ABDALLAH OSMAN
efrin.net 03.11.05
Syriens junger Präsident Bashar al-Assad leitete seit dem 10. Juni
2000 die Anpassung des politischen Systems seines Landes an
Erfordernissen des globalen Wandels ein. Einiges hat sich dort
tatsächlich im sozialdemokratischen Sinne verändern wollen. Doch wie
schon oft in der Menschheitsgeschichte da schlug am 11.09.2001 ein
unterschätzter Blitz Ben Ladens mitten in Weltmachtgeltungen ein; Roms
Erbe USA zogen erhobenen Hauptes in die Region ein; der anfänglich
lockere Boden ist zwar härter geworden, dennoch nach Kabul und Bagdad
frohlockt nun Amerikas liebste Stadt im Mittelosten: Damaskus!
Damaskus ist seit deren Anfängen mit Kurden sehr eng verbunden. Das Wort
Damaskus bzw. Dimashq heißt auf Kurdisch Diyarê Meşqê und bedeutet etwa
Land des Asyls, Flucht oder Fremden. Kurdische Mystik erzählt von einem
Mythos über eine Endschlacht von Damaskus. Diesen Mythos habe ich als
Kind in den 1960er Jahren von yezidisch-alawitischen Gelehrten im
syrischen Kurdenberg wiederholt erzählen gehört. Demnach werde es viele
Kriege um heilige Orte geben, die Angreifer werden sie schließlich alle
erobern – bis auf Damaskus! Um diesen Nabel des Globus werde es dann
eine langjährige, globale Endschlacht geben, am deren Ende die Angreifer
gedemütigt das Feld verlassen würden.
Die USA, Großbritannien und Frankreich glauben, sie haben jetzt mit dem
UNO-Bericht über den Mordanschlag auf R. Al-Hariri in Beirut am
14.02.2005 die leichteste Handwaffe erhalten, mit der sie Assads Syrien
lebendig einverleiben können. Doch der Mensch ist von der Natur und nur
diese bestimmt die Regeln. Saddam und Assad mit ihren Baath-Regimes
waren bislang eigentlich die besseren Garanten für die USA, GB und
Frankreich im Mittelosten. British Empire, welches gar ab dem Ersten
Weltkrieg Araber aus Süden holte und ihnen Syrien und Irak gab, führt
heute Krieg gegen eigenes Vermächtnis. Fällt demnächst GBs arabistisches
Bollwerk in Damaskus, dann stürzt Syrien in multipolare, versprengte
Teilchen, deren Wieder-Gruppierungen nur in einem geänderten
Mittelosten, gar in einer veränderten Weltlage - per Siegerdiktate oder
UNO-Beschlüsse - möglich sein könnten
Obwohl Bushs Amerika sehr entschlossen ist, wird es keine
Besatzungsintervention in Syrien a la Irak geben. Weder Amerikaner,
Juden oder Syrer wollen es zum frontalen Krieg ankommen lassen. Der
zunehmende UNO-Druck wird aber sicherlich dazu führen, dass die
wichtigsten noch verbleibenden Falken des Baath-Regimes amputiert
werden, so dass dann von ihm nur noch ein durchlöchertes Skelett
verbleibt, welches amerikanische Stützen und Order annehmen wird.
Die syrische Bevölkerung ist derzeit sehr beunruhigt und erwartet
ungeduldig eine eher pro-amerikanische Wende ihrer Regierung. Tritt dies
ein, erspart man sich vorerst Krieg und Elend und kann Atem einholen.
Das wird auch so sein, denn keine ethnische, religiöse oder politische
Gemeinschaft wird Syrien intern als erstes Amerika Paroli anbieten. Die
Syrer insgesamt werden im Ernstfall wohl kaum kämpfen; die meisten von
ihnen würden eher den weltlichen Genuss als einen schnellen Trip ins
Paradies bevorzugen. Es gibt auch keine (mittlere) Weltmacht, Russland
und Iran nicht mehr, die BRD und Türkei zögernd, die es mit diesem
Syrien gegen die USA wagen würde. Selbst die Arabische Liga lässt Assads
Syrien im Stich.
Der Mittlere Osten einschließlich Syriens fällt also vollständig unter
die Kontrolle der USA. Eine Endschlacht um Damaskus wird es wohl mit
Bush und Assad nicht geben. Nach Irak und Libanon wird auch Syrien
wieder zum Partner Amerikas – wie zuvor bis 1958. Dann endet tatsächlich
die 40 jährige Baath-Diktatur einschließlich der 30 jährigen
Assad-Dynastie. In der neuen politischen Ordnung des Mittleren Ostens –
vorausgesetzt es kommt nicht zu globalem Krieg wegen Damaskus - hätten
dann sowohl der Panarabismus wie auch der Zionismus kapituliert,
ausgedient. Juden würden dann in der ganzen Region, so auch in Syrien,
wieder Heimat finden können und (nationalistische) Araber werden ihre
Arabisierungsmaßnahmen gegen Kurden aufgeben müssen. Der Panislamismus
genauso wie der Pantürkismus hätten dann noch viel weniger Argumente und
Mittel in der Hand, um ihre Wurzeln in der Region noch tiefer zu
verzweigen.
Die Bange um Syriens Verfall in bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen nach
einem Regime-Sturz bleibt berechtigt und logisch. Doch es gibt
vielseitig begründeter Grund zur Hoffnung, dass der Übergang Syriens zu
einem freiheitlich-demokratischen Staatswesen langsam, schrittweise und
friedlicher als befürchtet von Statten gehen kann. Solche Leviten kann
man nach wie vor sowohl den Kontrahenten USA und Syrien wie auch so
genannten syrischen Oppositionsbewegungen lesen.
Was Kurden und andere Ethnien und Gemeinschaften im Irak nach Saddams
Fall an Grundrechten zuerkannt bekamen, wird es ja wohl in ähnlicher
Weise auch im neuen Syrien und Libanon geben müssen. Die Alawiten, zu
der Assads Familie gehört, werden sich wie viele andere Teile der
syrischen Bevölkerung in Damaskus oder Hama dann offener zu ihrer
kurdischen Abstammung bekennen können, ohne dass sie deswegen durch das
arabische Baath-Regime drangsaliert würden.
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