Der westöstliche Orhan
Orhan Pamuk schreibt über die Türkei zwischen östlicher Tradition
und westlicher Moderne. Er hat sich damit Feinde gemacht. Aber auch
Freunde
VON TOBIAS RAPP
taz 23.06.05
So unterschiedlich können Lektüren sein. Wenn Orhan Pamuk am 23.
Oktober zur kommenden Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels erhält, wird ein Schriftsteller geehrt, "der wie kein
anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im
Osten und des Ostens im Westen nachgeht". Mit diesen Worten begründete
der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestern seine Wahl. Pamuk sei
einem Begriff von Kultur verpflichtet, "der ganz auf Wissen und Respekt
vor dem anderen gründet".
Das dürften die nationalistischen Kreise in der Türkei anders sehen:
Knapp fünf Monate ist es her, dass Pamuk so nachhaltig des
Vaterlandsverrats bezichtigt wurde, dass er sich gezwungen sah, für eine
Weile unterzutauchen. Dabei hatte Pamuks großer Roman "Schnee", als er
Anfang 2002 in der Türkei erschien, vor allem deshalb für Aufsehen
gesorgt, weil sich hier einer der bekanntesten Schriftsteller des Landes
von seinen historischen Sujets ab- und der Gegenwart zugewandt hatte. Es
brauchte die Übersetzung ins Deutsche und ein Interview mit dem
Schweizer Tagesanzeiger, um aus dieser Hinwendung einen Skandal zu
machen. "Man hat hier 30.000 Kurden umgebracht. Und eine Million
Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen", sagte Pamuk
damals.
Islam und Moderne
Anzeigen wegen Landesverrats waren die Folge, in einem anatolischen
Landkreis wurden Pamuks Bücher aus den Bibliotheken entfernt. Die
Kritiker hätten es einfacher haben und einen Blick in das Buch riskieren
können - alle paar Seiten kommt der Protagonist von "Schnee" an leeren
Häusern vorbei, die einmal Armeniern gehört hatten. Und das Foltern von
Kurden gehört für die ortsansässigen Autoritäten zum Tagesgeschäft.
Die Spannung zwischen Islam und Moderne, die Verbindung orientalischer
Erzähltraditionen mit Stilelementen der westlichen Literatur und das
Abarbeiten an der vielgestaltigen Tradition des Osmanischen Reichs sind
die großen Themen des 53-jährigen Orhan Pamuk. Geboren in Istanbul als
Fabrikantenkind, studierte er Architektur und Journalismus und lebte
eine Zeit lang in New York. Während seine Romane "Die weiße Festung",
"Das schwarze Buch", "Das neue Leben" und "Rot ist mein Name" diese
Themen immer aus der sicheren Entfernung lang vergangener Epochen
verhandelten, wendet sich Pamuk mit "Schnee" der Gegenwart zu: dem Erbe
des Kemalismus.
Am Beispiel des Wohnzimmers seiner Eltern beschreibt Pamuk in seiner
autobiografischen Erzählung "Pamuk Apartments", die er vor gut einem
Jahr im New Yorker veröffentlichte, in einem wunderbaren Bild, wie diese
speziell türkische Variante der Westbindung ihn prägte. Jede bürgerliche
Familie Istanbuls habe damals ein Wohnzimmer gehabt, eingerichtet nach
europäischem Vorbild: mit Glasvitrine, Sitzecke und einem Klavier. Es
habe sich aber nie jemand hineingesetzt. Der Raum richtete sich einzig
und allein an hypothetische Besucher als Zeichen der eigenen Modernität.
Nun mögen die türkischen Eliten dem Land mit dem Kemalismus seine
Säkularisierung und die Westbindung tatsächlich einmal aufgezwungen
haben. Doch 66 Jahre nach Atatürks Tod sind sie der Türkei so tief ins
Selbstverständnis eingesunken, dass selbst die Traditionen, die dem
scheinbar entgegenlaufen, sich nur auf seiner Basis artikulieren können.
Das ist das Thema von "Schnee", einem Roman, der davon handelt, wie der
Dichter Ka in einem kalten Winter Mitte der Neunzigerjahre von einer
liberalen Zeitungsredaktion nach Ostanatolien geschickt wird, um eine
rätselhafte Selbstmordwelle unter Mädchen zu recherchieren, die offenbar
mit einem Konflikt über das Tragen des Kopftuches zusammenhängt.
Ganz so einfach ist es natürlich nicht, und während kemalistische
Paramilitärs in dem eingeschneiten Städtchen putschen, geraten die
Selbstmorde auch rasch in den Hintergrund. Doch das Interessante an
"Schnee" ist, wie Pamuk das Bild einer Türkei konstruiert, in der sich
selbst die Gegnerschaft zum Westen nur auf einer verwestlichten Basis
artikulieren lässt. Da wimmelt es von jungen Islamisten, die
Science-Fiction-Romane schreiben wollen, Mädchen, die ihr Bekenntnis zum
Kopftuch als Ausdruck individueller Selbstbestimmung begreifen, aber
auch Autoritäten, für die der Bezug auf die westlichen Werte nichts als
ein Vorwand ist, um ungestört morden und foltern zu können.
Sehnsucht und Angst
Dazwischen versuchen ehemalige Aktivisten der radikalen türkischen
Linken, die sich in den Siebzigern in blutigen Kämpfen aufgerieben
haben, ihren tragischen Lebensläufen letzte Tropfen individuellen Sinns
abzugewinnen - sei es durch Beteiligung am Putsch oder dadurch, in der
islamistischen Haltung der Jugendlichen Funken legitimen Widerstands zu
entdecken.
"Mein Roman handelt von den inneren Konflikten heutiger Türken, von den
Widersprüchen zwischen Islam und Moderne, von der Sehnsucht, in Europa
aufgenommen zu werden - und zugleich der Angst davor", sagte Pamuk im
April in einem Gespräch mit der Zeit. Es ist eine eigentümliche Ironie
der Publikationsgeschichte von "Schnee", dass sich genau dieser
Widerspruch in den Lektüren des Buchs spiegelt. Dass ein Autor für
Aussagen in einem Interview mit einer ausländischen Zeitung gehasst
wird, die nur wenig radikaler sind als das, was ein Roman erzählt, der
in der Türkei bei Erscheinen gefeiert wurde. Der Westen im Osten und der
Ostens im Westen. So kann man es auch sagen.
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taz Nr. 7697 vom 23.6.2005, Seite 5, 181 TAZ-Bericht TOBIAS RAPP
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